Rechnungen verkaufen? Wie du mit Factoring nie wieder 60 Tage auf dein Geld wartest
Stellt euch mal folgende Situation vor: Ihr habt den ganzen Monat für einen Großkunden geackert. Die Nächte durchgemacht, das Projekt pünktlich abgeliefert. Die Rechnung über 15.000 Euro ist raus. Stolz wie Oskar.
Und dann passiert… nichts.
Nach 30 Tagen guckst du aufs Konto. Nichts. Du rufst an. „Ja, ist in der Buchhaltung, dauert noch.“ Nach 60 Tagen: Immer noch nichts.
Aber deine eigenen Fixkosten (Miete, Server, vielleicht ein Freelancer den du bezahlt hast) die laufen ja weiter. Das ist der Moment, in dem selbst bei gut laufenden Businesses das Licht ausgehen kann. „Insolvenz durch Wachstum“ nennt man das.
Viele gehen dann zur Bank und fragen nach einer Kontokorrentlinie (Dispo). Aber was, wenn ich dir sage, dass es einen Weg gibt, wie du dein Geld schon 24 Stunden nach Rechnungsstellung auf dem Konto hast?
Dieses Zauberwort heißt Factoring. Früher war das nur was für die ganz großen Konzerne, heute ist es für uns Solo-Selbstständige und KMUs eine der besten Alternativen zum klassischen Kredit.
Was genau ist Factoring (und warum ist es kein Kredit)?
Machen wir es ganz einfach: Beim Factoring verkaufst du deine offene Rechnung an einen Finanzdienstleister (den Factor).
Ein Kredit ist geliehenes Geld, das du zurückzahlen musst.
Beim Factoring holst du dir einfach dein eigenes Geld, das dir sowieso schon zusteht, nur eben früher. Du hast die Leistung ja schon erbracht.
So läuft das in der Praxis ab:
- Du machst deinen Job und schreibst wie gewohnt deine Rechnung.
- Du schickst die Rechnung (heute meistens per Klick über eine Plattform oder API) an den Factor.
- Der Factor prüft kurz die Bonität deines Kunden (B2B ist hier wichtig!).
- Zack: Der Factor überweist dir sofort 80% bis 90% des Rechnungsbetrags auf dein Konto. Die restlichen 10-20% behält er erstmal als Sicherheit.
- Dein Kunde zahlt die Rechnung nicht an dich, sondern an den Factor (mit dem ganz normalen Zahlungsziel von 30 oder 60 Tagen).
- Sobald das Geld da ist, kriegst du den Rest ausbezahlt – abzüglich einer kleinen Gebühr.
Die drei Superkräfte des Factorings
Warum machen das so viele Profis? Weil Factoring gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlägt.
1. Sofortige Liquidität (Der Turbo)
Du musst nicht mehr betteln gehen bei der Bank. Das Geld ist da, wenn du es brauchst. Du kannst damit sofort wieder neue Ware einkaufen oder Skonto bei deinen eigenen Lieferanten ziehen. (Pro-Tipp: Wenn du durch die schnelle Liquidität 3% Skonto beim Einkauf nutzt, hast du die Factoring-Gebühr oft schon wieder raus!).
2. Das Mahnwesen ist nicht mehr dein Problem
Ganz ehrlich, wer von euch hat Bock auf Mahnungen schreiben? Das ist unangenehm, kostet Zeit und versaut oft die Kundenbeziehung. „Herr Müller, wo bleibt mein Geld?“.
Beim Factoring übernimmt der Dienstleister das Mahnwesen. Wenn der Kunde nicht zahlt, schickt der Factor die Erinnerung. Das wirkt oft auch viel professioneller.
3. Schutz vor dem totalen Zahlungsausfall (Echtes Factoring)
Das ist der absolute Killer-Vorteil. Achte darauf, dass du „Echtes Factoring“ (mit sogenannter Delkredere-Übernahme) wählst.
Wenn dein Kunde plötzlich Insolvenz anmeldet und die Rechnung nie bezahlt… ist dir das beim echten Factoring egal! Der Factor trägt das Risiko. Dein Geld (die Vorauszahlung) bleibt bei dir. Du hast quasi eine eingebaute Ausfallversicherung.
Der Haken: Was kostet der Spaß?
Natürlich arbeitet niemand umsonst. Factoring kostet Geld.
Die Gebühren setzen sich meistens aus der Factoring-Gebühr (für den Aufwand und das Risiko) und den Zinsen (für den Zeitraum bis der Kunde zahlt) zusammen.
Bei uns Selbstständigen und Kleinunternehmern liegen die Kosten meistens zwischen 1,5% und 4% des Rechnungsbetrags, je nach Bonität der Kunden und der Höhe der Rechnung.
Rechenbeispiel:
- Rechnung: 5.000 Euro
- Gebühr (angenommen 2,5%): 125 Euro.
Du zahlst also 125 Euro dafür, dass du 5.000 Euro sofort auf dem Konto hast und kein Risiko mehr trägst, dass der Kunde pleite geht. Ob sich das lohnt, muss jeder für sich ausrechnen. Wenn die Marge deines Jobs hoch genug ist, ist das ein No-Brainer.
Wem nützt das was? (Und wem nicht)
Factoring ist genial, aber nicht für jeden.
- B2B ist Pflicht: Die meisten Factoring-Gesellschaften kaufen nur Rechnungen an, die an andere Unternehmen (B2B) gehen. Rechnungen an Privatkunden (B2C) sind für die meisten uninteressant oder zu aufwendig.
- Keine Vorkasse: Du musst die Leistung erbracht haben. Du kannst keine Vorkasse-Rechnungen „factoren“.
- Keine Einwände: Die Leistung muss abgenommen sein. Wenn der Kunde noch meckert, dass die Website ruckelt, kannst du die Rechnung noch nicht verkaufen.
Früher gab es hohe Mindestumsätze (z.B. erst ab 100.000 Euro Jahresumsatz). Dank Fintechs wie Fundflow, Billie oder aifinyo kannst du heute aber auch schon einzelne Rechnungen ab wenigen hundert Euro verkaufen (Einzelfactoring). Das ist super flexibel.
Kauf dir deinen Schlaf zurück
Ein Kredit für Selbstständige ist wichtig für große Investitionen. Aber für das Tagesgeschäft und den Cashflow ist Factoring oft die bessere Wahl. Du machst keine neuen Schulden, deine Bilanz wird sogar besser (weil du Forderungen abbaust und Cash aufbaust), und vor allem: Du schläfst besser.
Kein tägliches Checken des Geschäftskontos mehr in der Hoffnung, dass der Kunde endlich überweist. Du schreibst die Rechnung, klickst auf „Verkaufen“ und widmest dich dem nächsten Auftrag.
Probiert es doch einfach mal mit einer einzigen, großen Rechnung aus. Der Aha-Effekt, wenn das Geld am nächsten Tag da ist, ist unbezahlbar.